Einführung in die Nienetwiler Kultur von Amot Nussquammer sen.

Einführung in die Nienetwiler Kultur – Auszüge aus einem Vortrag von A. Nussquammer sen.

1943 stellte Amot nussquammer sen. In einem Vortrag seine These zur Gesellschaftsform der Nienetwiler-Kultur vor. Es war ein hochbeachteter, wenn auch nicht unumstrittener Vortrag den er damals in den Galleries des British Museum of London hielt. Aus heutiger Sicht kann gesagt werden, dass seine Thesen zur Gesellschaftsform in der Nenetwiler-Kultur ernster genommen werden als damals.

 

Vorwort der Herausgeber

Nach dem Tod von Amot Nussquammer jun. (1941–2011) sendete sein Sohn X. M. I. Nussquammer auf die Bitte seines Vaters hin zwei Kisten von Papieren, welche die wissenschaftlichen Arbeiten seines Vaters und auch seines Grossvaters A. Nussquammer sen. (1860–1952) enthielten, an David Krieger, der Studienkollege und Freund von Nussquammer jun. war. Unter diesen Papieren befand sich das Skript einer Vorlesung, die Nussquammer sen. 1943 auf Einladung im Rahmen einer exklusiven Ausstellung in den Räumen der neu eröffneten Geology Galleries des British Museum in London hielt. Aus einer Notiz von Nussquammer wissen wir, dass Aciel Arbogast ebenfalls eingeladen war, aber die Reise durch das kriegserschütterte Europa nicht riskieren konnte. Grossbritannien war natürlich auch vom Krieg betroffen. Trotz der Umstände war es ein Anliegen des «Keeper of the Department», Mr. W. N. Edwards, einen kleinen Bereich der Galleries für die Ausstellung, welche Edwards als «experimental» bezeichnete, zur Verfügung zu stellen. Der Grund, warum Nussquammer, der nur zwei Jahre zuvor in die USA ausgewandert und schon über achtzig Jahre alt war, die Einladung annahm, liegt wohl darin, dass die Ausstellung sich drei neuen Themen widmete, die Nussquammer besonders interessierten. Die Themen waren: 1) «Types of Early Man», worin Darstellungen verschiedener Typen des Genus Homo präsentiert wurden, darunter auch Home-Neandertalensis, und Homo Nienetwilensis; 2) «Tools and Weapons of Early Man», und 3) eine Ausstellung, die dem Thema «Man the Toolmaker» gewidmet war. Da Arbogast nicht an der Eröffnung dieser Ausstellung teilnehmen konnte und weil er, Nussquammer, der Einzige ausser Arbogast war, der die Forschung zu Nienetwil vertreten konnte, nahm er die Strapazen der Reise auf sich.

Im Rahmen des Anlasses hielten neben Nussquammer auch Kenneth P. Oakley und F. E. Zeuner kurze Referate. Unter dem Titel «Man the Toolmaker» veröffentlichte Oakley einige Jahre nach der Ausstellung 1949 ein Buch, das ihn berühmt machte. Auf Einflüsse von Arbogast und Nussquammer geht er darin nicht ein; inhaltliche Einflüsse sind aber klar ersichtlich. Soweit wir wissen, war die Vorlesung in London der letzte öffentliche Vortrag, den Nussquammer sen. hielt. Kurz nach seiner Rückkehr in die Staaten zog er sich aus dem öffentlichen Leben zurück und lehnte alle Einladungen zu Veranstaltungen dieser Art ab. Da es sich bei diesem Vortrag um eine Art Zusammenfassung seines Lebenswerks handelt und weil das Manuskript kurz und übersichtlich die Grundideen über die Nienetwiler Kultur erörtert, haben wir, die Herausgeber, entschieden, diesen Text in redigierter Form zu übersetzen und in dieser Inaugurationsausgabe der neu aufgelegten «Cahiers de recherches de Nienetwil» zu veröffentlichen.

Als Nussquammers Sohn, Amot Nussquammer jun., die wissenschaftlichen Arbeiten seines Vaters übernahm und fortführte, benutzte er offensichtlich auch das Manuskript als Grundlage für seine Lehrtätigkeit wie auch für diverse Beiträge in wissenschaftlichen Zeitschriften. Dies lässt sich aus den vielen Annotationen und Revisionen, die im Text ersichtlich sind, schliessen. Die eigentlichen Verfasser des Manuskripts sind demnach A. Nussquammer sen. und A. Nussquammer jun. gemeinsam. Referenzen im Text zu Entdeckungen, Autoren und Ideen, die erst nach dem Tod von Nussquammer sen. 1952 bekannt geworden sein könnten, geben einen Hinweis auf die Autorenschaft von Nussquammer jun., doch sonst gehen die Ideen der beiden Nussquammer bezüglich der Grundstrukturen der Nienetwiler Kultur wenig auseinander.

Es muss in diesem Zusammenhang zudem betont werden, dass Nussquammer sen. in engen Kontakt mit Aciel Arbogast stand. Es war ja Arbogast, der die Nienetwiler Kultur entdeckt und deren systematische Erforschung begründet hatte. Der Text reflektiert die enge Zusammenarbeit von Nussquammer und Arbogast über mehrere Jahrzehnte und demnach ist nicht in allen Punkten auf eine alleinige Urheberschaft von Nussquammer zu schliessen. Vor allem die vielen Hinweise auf archäologische Befunde und auf die Nienetwiler Sprache verdankt Nussquammer Arbogast. Nussquammer selbst hat dies schriftlich wie auch mündlich immer wieder betont.

Obwohl die Interpretation der Nienetwiler Kultur, die im Manuskript zum Ausdruck kommt, auf die Zusammenarbeit von Nussquammer und Arbogast zurückgeht, kann nicht behauptet werden, dass die einzelnen Formulierungen, die Sichtweise, die Fragestellungen und spezifische Deutungen der archäologischen Befunde, die im Manuskript vorkommen, Arbogast zuzuschreiben wären. Im Gegenteil: Es ist bekannt, dass Nussquammer und Arbogast oft anderer Meinung waren[1]. Die Differenzen der beiden Wissenschaftler erstreckten sich über die richtige Auslegung und Interpretation vieler Aspekte der Nienetwiler Kultur wie auch den Stellenwert der Nienetwiler Forschung im 19. und 20. Jahrhundert. Diese Differenzen beeinträchtigten jedoch keineswegs die fruchtbare und über Jahrzehnte andauernde Zusammenarbeit der beiden bei der Herausgabe der CRN. In diesem Zusammenhang ist zu erwähnen, dass es oft Haricot, der Pariser Verleger der CRN, war, der die Zusammenarbeit der zwei temperamentvollen Wissenschaftler förderte. Sein Beitrag zur Nienetwiler Forschung sei an dieser Stelle ausdrücklich gewürdigt.

Bei der Entscheidung, Auszüge aus diesem Manuskript in redigierter Form in der Neuausgabe der CRN zu publizieren, haben sich die Herausgeber nicht zum Ziel gesetzt, der Fokus auf die individuellen Quellen von Ideen zu setzen, sondern auf die Gemeinsamkeiten und Übereinstimmungen zwischen Nussquammer und Arbogast, die überwiegend unser heutiges Bild von Nienetwil prägen.

Zudem haben die Herausgeber beschlossen, nur Auszüge und nicht das ganze Manuskript einem breiteren Publikum zugänglich zu machen, da der Zustand des Texts, der viele unklare und zum Teil nur sehr schwer lesbare Annotationen enthält, einer vollumfänglichen Publikation im Weg stehen. Die hier publizierten Auszüge sollen nur das Wesentliche über die Nienetwiler Kultur aus der Sicht von Nussquammer zum Ausdruck bringen und somit als Anregung für eine vertiefte Auseinandersetzung mit Nienetwil dienen. Es ist jedoch vorgesehen, in späteren Ausgaben der CRN weitere Inhalte aus dem Manuskript und anderen relevanten Dokumenten zu veröffentlichen, je nach Stand der redaktionellen Aufarbeitung des Nachlasses von Amot Nussquammer sen.

David Krieger und Simon Meyer, Herausgeber

 

 

  1. Die Grunderfahrung der Nienetwiler ist die Werkzeugherstellung

«Wenn wir uns alles Stolzes entkleiden könnten, wenn wir uns, um unsere Art zu definieren, strikt an das halten würden, was Geschichte und Vorgeschichte uns als das konstante Charakteristikum des Menschen und der Intelligenz aufweisen, dann würden wir vielleicht nicht Homo sapiens, sondern Homo faber sagen. Letztlich ist die Intelligenz, im Hinblick darauf betrachtet, was ihre ursprüngliche Vorgehensweise zu sein scheint, die Fähigkeit, künstliche Gegenstände herzustellen, insbesondere Werkzeuge, um Werkzeuge zu machen und deren Herstellung endlos zu variieren.»

(H. Bergson, Schöpferische Evolution 1911, 139)

«Werkzeuge sind uns nicht einfach leblose Dinge, mit denen wir anderen leblosen Dingen eine Form aufzwingen, sondern sind vielmehr als Vermittler zwischen unserem Lied und dem Lied des Gegenübers zu verstehen.»  (Vortrag von A. Arbogast 1897)

 

Meine sehr verehrten Damen und Herren.

Es ist nicht erstaunlich, dass der Mensch und auch seine Vorfahren Werkzeuge hergestellt haben. Was uns in Staunen versetzen sollte, ist, was die Herstellung und Nutzung von Werkzeugen aussagt über das, was der Mensch ist. Die Herstellung und Nutzung von Werkzeugen ist das, was den Menschen als Menschen auszeichnet. Denn die Herstellung und Nutzung von Werkzeugen kommt in der Vorgeschichte der Menschheit viel früher zum Vorschein als die Sprache. Wenn für Aristoteles der Mensch das Tier war, welches die Sprache hat, dann ist dieses Wesen ein später Nachkomme von den Exemplaren der Gattung Homo, die wir heute in dieser Ausstellung bestaunen dürfen. Schon Hunderte von Tausenden von Jahren vor der Entstehung des Homo sapiens haben unsere Vorfahren Werkzeuge hergestellt und sie haben diese Artefakte in Weisen benutzt, wie es kein Tier je getan hat. Das Werkzeug stellt also dar, was der Mensch zu dem macht und was er in allem, was er tut und auch tun kann, durch alle Jahrhunderte hindurch bis heute, bestimmt. Aus diesem Grund ist es erstaunlich, dass die Wissenschaft sich so wenig mit dem, was es bedeutet, ein Werkzeug zu erstellen und zu nutzen, auseinandergesetzt hat. Dies, meine Herren, ist die Aufgabe, die wir uns heute anlässlich dieser Ausstellung widmen. Auch im Namen von Aciel Arbogast, der heute nicht hier sein kann, möchte ich mich beim Keeper of the Departement und dem British Museum bedanken für diese Gelegenheit, Ihnen verehrte Kollegen, von Nienetwil zu berichten.

In der Nienetwiler Kultur geht es beim Werkzeug nicht um das Werkzeug als «Ding», d. h. als Gegenstand, sondern als «Vermittler». Die Nienetwiler hatten, soweit wir wissen, keinen Begriff für Werkzeug in unserem Sinne eines Dinges, also etwas, das von jemanden benutzt wird, um eine Wirkung auf irgendetwas anderes zu übertragen. Der Hammer zum Beispiel wäre nach Nienetwiler Auffassung nicht ein Ding, das durch bestimmte Handhabung eine Kraft auf ein anderes Ding, sagen wir zum Beispiel einen Nagel, kausal-deterministisch überträgt. Der Hammer «schlägt» den Nagel nicht (nur), sondern der Hammer «erschliesst» bzw. «ermöglicht» dem Nagel, das zu sein, was er ist. Der Nagel existiert nur wegen des Hammers. Wenn es keinen Hammer geben würde, was könnte man mit einem Nagel anfangen? Umgekehrt aber erschliesst der Nagel eine bestimmte Fähigkeit oder Eigenschaft des Hammers, die ohne Nagel nicht existieren würde. Für die Nienetwiler ermöglicht/erschliesst der Hammer den Nagel als Teil einer «Verbindung» bzw. einer «Sammlung» von Mensch-Hammer-Nagel-Holz-Zweck. Der Hammer erschliesst somit den Menschen als «Erbauer» von etwas, den Nagel als Teil des Bebauten, zusammen mit zum Beispiel Holz, und das Bebaute als Teil von dem, was Mensch-Hammer-Nagel-Holz (etc.) tun oder das, «wozu» sie zusammengebracht oder gesammelt sind.

Der Nienetwiler Begriff von Werkzeug heisst gemäss der Sprachforschung von Arbogast und Miribal Ciséan über die Alaju-Sprache, also die Sprache der Nienetwiler, medh, was so viel bedeutet wie «in der Mitte zusammenkommen, vermitteln». Nach heutiger Kenntnis ist medh ein Schlüsselwort der Skandi-Kultur, da es das Vermitteln zwischen Menschen und Nichtmenschen, insbesondere im Gebrauch von Werkzeugen und dem damit verbundenen Sammeln von Seins- und Zweckmöglichkeiten, ausdrückt. Also, meine Herren, wenn wir von Werkzeugen sprechen, die in der Vorgeschichte der Menschheit entstanden sind, reden wir von so etwas wie einem «Vermittler einer Sammlung» und wir sollten uns strengstens davor hüten, die uns heute geläufige Deutung von Werkzeugen als blosse Mittel zum Zweck zu eigen zu machen.

Die Nienetwiler Erfahrung von Werkzeugen als «Vermittler» ist sehr wichtig für das Verständnis der Nienetwiler Kultur. Der Hand – gleichsam als Werkzeug des menschlichen Körpers, das «greift» und «sammelt» – wird besondere Bedeutung beigemessen. In der Nienetwiler Sprache Alaju ist die Wortfamilie gadho, gauma, guma (sammeln, verbinden, Ort des Gesammelten, Versammlung), aber auch helaran (vermitteln) sehr wichtig. Zudem wurde die Tätigkeit des Sammelns als Haupttätigkeit aller Handhabung von Werkzeugen und zum Grundvollzug des Lebens bzw. der Existenz für die Nienetwiler gedeutet. Ihr Menschenbild ist demnach grundverschieden von dem Menschenbild der heutigen Gesellschaft, worin der Mensch als autonomes rationales Subjekt verstanden wird. Nicht die Vernunft, wie für die Griechen, oder das Herz, wie für das Christentum, bilden das ab, was den Menschen auszeichnet, sondern die Hand.

Diese Deutung der Nienetwiler Kultur beruht zum Teil auf archäologischen Befunden, die vor allem von A. Arbogast über Jahrzehnte entdeckt wurden. Darunter sind verschiedene Darstellungen der Hand. Diese Darstellungen suggerieren nicht nur, dass die Hand eine besondere Bedeutung für die Nienetwiler hatte, sondern auch eine Kontinuität mit ähnlichen Handdarstellungen der altsteinzeitlichen Höhlenmalerei, die in Spanien und anderen Orten der Welt entdeckt wurden. Es ist den Nienetwilern zu verdanken, dass die Hand als älteste bekannte Darstellung des Menschen gilt.

 

  1. Symmetrie von Menschen und Nicht-Menschen

Für die Nienetwiler gab es keine prinzipielle Unterscheidung zwischen Menschen und Nichtmenschen bezüglich Handlungsfähigkeit. Denn alle, welche sich an einer Sammlung beteiligen, zum Beispiel Hand, Hammer, Nagel, Holz etc., «wirken» nicht nur aufeinander, sondern «erschliessen» einander und nehmen demnach aktiv und gleichberechtigt am Sammeln teil. Dinge, wie zum Beispiel Steine, wurden als gleichberechtigte Mitglieder einer Sammlung betrachtet. Dies impliziert eine «symmetrische» Weltsicht, d. h. eine Weltsicht ohne Hierarchien. Es herrscht zwischen Menschen und Nichtmenschen (z. B. Steine, Holz, Wasser etc.) eine Symmetrie in Bezug auf Vermittlungsfähigkeit, denn «handeln» bedeutet für die Nienetwiler immer «vermitteln». Da alles, was ist, ist, indem es vermitteln kann und vermittelt wird bzw. sammeln kann und gesammelt wird, lässt sich das Sein für die Nienetwiler nicht als abstraktes Vorhandensein erleben, sondern als partizipatives Teilnehmen. Was existiert für die Nienetwiler, ist das, was wirkt, das etwas tut, das eine «Stimme» erhebt, um zu sagen, was es tun kann und wozu es gebraucht werden kann. Man könnte sogar sagen, dass die ganze Welt für die Nienetwiler «beseelt» ist, aber diese oft wiederholte Eigenschaft traditionaler Völker ist insofern irreführend, als man kaum eine vorgeformte Idee von dem, was eine «Seele» ist, vermeiden kann. Es ist also besser, von «Symmetrie» zwischen Menschen und Nichtmenschen zu sprechen als von «Animismus».

Diese symmetrische Sicht der Welt hat Folgen darauf, wie die Nienetwiler Werkzeuge und Dinge erlebten. Für die Nienetwiler ist das Werkzeug nicht unter dem üblichen Begriff «Technologie» zu verstehen, da seit den alten Griechen ein Artefakt, wie zum Beispiel schon bei Aristoteles, ein Ding ist, das nicht von sich selbst her stammt, sondern von einem anderen. Aus der Sicht der Nienetwiler gibt es keine prinzipiellen Unterschiede zwischen Menschen und Dingen bezüglich ihrer Fähigkeiten, «Akteure» zu sein. Ein Akteur ist etwas, das eine «Stimme» hat und fähig ist, mit anderen Dingen und mit Menschen Verbindungen einzugehen. Werkzeuge, da sie nicht «Tools» im üblichen Sinne sind, werden eher als «Mediatoren» verstanden. Dies ist leider wieder eine irreführende Übersetzung des ursprünglichen Nienetwiler Begriffs. Die «Aufgabe» oder «Fähigkeit» aller Dinge und Menschen ist es, Verbindungen herzustellen, d. h. zu «vermitteln». Vermitteln kann auch als «Mediation» übersetzt werden. Ein Vermittler ist auch ein Mediator.

Das heutige Interesse an der Nienetwiler Kultur kann darauf zurückgeführt werden, dass viele Nienetwiler Erfahrungen und Ideen in der heutigen Welt nach langem Überdecktsein und Vergessenheit wieder Bedeutung erlangen. Ein Beispiel zeigt das wachsende Interesse an nicht-hierarchischen Formen des kooperativen Handelns wie die verschiedenen kommunal ausgerichteten Entwürfe einer gerechten Gesellschaft, die immer wieder den Menschen inspirieren und die Machtmissbrauch als typisch bei hierarchischen Gesellschaftsformen erachten. Die symmetrische Weltsicht der Nienetwiler hat also Folgen für ihre Gesellschaftsform. Sie lebten in eher kleinen Gruppen mit vielleicht nicht mehr als dreissig Personen und waren nicht in der Lage, Militärstrukturen aufzubauen oder grosse Bauwerke zu errichten.

 

  1. Alles ist mit allem verbunden

Aufgrund der symmetrischen Weltsicht der Nienetwiler kann deren Weltdeutung auch so ausgedrückt werden: Alles ist (oder könnte) mit allem anderen verbunden werden. Dies bedeutet, dass das «Sammeln» keine prinzipiellen (wohl aber praktischen!) Grenzen kennt und somit sind alle gegenwärtigen und vergangenen Sammlungen als «provisorisch» zu verstehen. Es gibt demnach für die Nienetwiler keine absolute Wahrheit, da jede Wahrheit nur eine provisorische Sammlung zum Ausdruck bringt. Diese Weltdeutung hängt eng zusammen mit ihrer Ablehnung von Hierarchien, die bekanntlich auf absoluten Wahrheitsbestimmungen, seien diese von Gott her oder von seinem Vertreter auf Erden, beruhen.

Die Frage stellt sich, was diese Weltsicht für die Nienetwiler Wirtschaft bedeutet. Die Nienetwiler Wirtschaft ist wenig erforscht, da die wenigen Befunde, die bis heute entdeckt worden sind, oft mehrdeutig oder gar obskur sind. Die Begriffe in der Nienetwiler Sprache, welche auf Produktion, Handel, Tausch, Markt und andere Tätigkeiten hindeuten, die wir heute unter dem Begriff «Wirtschaft» subsumieren, könnten viel eher als «Vermehrung» übersetzt werden. Der Begriff der «Vermehrung» bezieht sich zunächst auf erfolgreiches Sammeln. Sammeln, als Grundtätigkeit des Lebensvollzugs, führt zwangsläufig zur Vermehrung oder zur Erweiterung von Sammlungen. Vermehrung aber enthält keinen direkten Hinweis auf das, was sonst aus der Kulturgeschichte unter «Tausch» verstanden wird. Die Idee des Marktes scheint den Nienetwilern fremd zu sein, da Vermehrung nicht als Tausch verstanden wird. Da alles miteinander (im Prinzip!) verbunden ist, gab es aus Sicht der Nienetwiler möglicherweise keinen Gewinn oder Verlust bzw. das Sammeln führte nicht zu einer «Anhäufung» irgendwelcher Art. Auch wenn Dinge die Hände wechselten, was sicher der Fall war, blieben sie als Mitglieder der Versammlung im «Kollektiven», was den Nienetwiler Begriff von Gemeinschaft wiedergibt. Die Nienetwiler regelten ihr Zusammenleben in und durch eine «Versammlung», in der alle Beteiligten, inklusive Nicht-Menschen, eine «Stimme» hatten. Es wird vermutet, dass die Nienetwiler den Begriff des Eigentums nicht kannten und dass das «Verfügen über etwas», zum Beispiel Werkzeuge, eher als «Verantwortung» verstanden werden muss denn als «Besitz». Da die Nienetwiler moralische Vorschriften nicht kannten, sondern nur «Faustregeln» oder «Daumenregeln», wären ihre Handelsbeziehungen eher als praktische Vereinbarungen über das jeweilige Verfügen über Ressourcen zu verstehen. Wie immer man die Wirtschaft der Nienetwiler interpretiert: Man muss die Tatsache berücksichtigen, dass alle Entscheidungen betreffend das Kollektive unter den heute kaum vorstellbaren zeitlichen und räumlichen Beschränkungen der Versammlung stattfinden mussten. Nur kleine Gruppen können in gleichberechtigter Kommunikation effizient Entscheidungen treffen. Grössere Gruppen brauchen viel Platz und viel Zeit, damit alle etwas sagen können und ein Konsens erreicht werden kann.

 

  1. Die Nienetwiler betrachteten ihr Zusammenleben und ihre Gesellschaft als «Sammlung»

Die Weltdeutung und demnach die Gesellschaftsordnung der Nienetwiler ist auf etwas begründet, das sich in unseren Sprachen nicht genau übersetzen lässt, das aber als «Verhandlung» verstanden werden kann. Da es in der Nienetwiler Kultur keinen Schöpfergott, König oder Herrscher gibt, wurden alle Entscheidungen, die das Zusammenleben der Nienetwiler betreffen, durch Verhandlungen geregelt. Die Verhandlungen fanden im Rahmen einer «Versammlung» statt. Alle Menschen und Nichtmenschen waren symmetrisch beteiligt an der Versammlung. Alle hatte eine «Stimme». In der Versammlung wurde entschieden, wie sie jeweils miteinander verbunden sein können. Die Versammlung regelte das Sammeln durch Verhandlungen. Die Entscheidungen der Versammlung galten als immer revidierbar und provisorisch, da immer mehr bisher unbekannte Teilnehmer (Menschen und Nichtmenschen) auftauchen könnten. Die wichtigste «politische», aber auch «wirtschaftliche» Handlung der Nienetwiler wird als «Sammeln» verstanden. Sammeln betrifft alles, was es gibt. Die jeweilige «Sammlung» der Menschen und Nichtmenschen wird das «Kollektive» bezeichnet. Es sollte betont werden, dass der Begriff des «Sammelns», mit dem wir versuchen, die Nienetwiler Lebenserfahrung wiederzugeben, nicht zu verwechseln ist mit dem bekannten Begriff des Sammelns, der benutzt wird, um die sogenannten Jäger- und Sammler-Gesellschaften zu bezeichnen. Für die Nienetwiler war die Jagd auch ein Sammeln. Sammeln ist der Oberbegriff für alles, was ein Nienetwiler tun kann. Dies impliziert, dass das Sammeln entweder «gut» oder «schlecht» sein könnte: Entweder führt das Sammeln zu Vermehrung oder zu Minderung.

 

  1. Fürsprecher oder Befrager

Die Dinge bzw. Nichtmenschen werden in der Versammlung durch das, was wir nur ungenau als «Fürsprecher» oder «Befrager» wiedergegeben werden kann, vertreten. Die Aufgabe der Fürsprecher/Befrager ist es, die Nichtmenschen so zu befragen, dass sie ihre Stimme in die Versammlung einbringen und somit an den Verhandlungen teilnehmen können. Es muss aber betont werden, dass die Fürsprecher/Befrager ausdrücklich nicht als «Repräsentanten» zu verstehen sind. Dies, weil sie die Dinge selber zum Sprechen bringen sollen und nicht für sie reden dürfen. Der heutige Begriff des Repräsentanten stammt aus der Unmöglichkeit, bei grösseren Menschenansammlungen jeden sprechen zu lassen. Die sogenannte «repräsentative Demokratie» entsteht dann, wenn ein Volk zu zahlreich ist, um selbst mitzureden, und deswegen andere für das Volk sprechen. Die Repräsentanten, wie wir diesen Begriff heute verstehen, vertreten Parteien und nicht das Volk (wovon sie eigentlich nichts wissen).

Die Methode, welche die Fürsprecher oder Befrager benutzten, um die Dinge reden zu lassen, war vor allem die Werkzeugkonstruktion. Wenn wir ein bekanntes Beispiel nehmen, dann könnte man behaupten, dass das Fernrohr von Galileo so ein Werkzeug war. Die Idee eines Instruments, das die Dinge für sich sprechen lässt und somit die Dinge nicht durch das Wort Gottes und die Aussagen von Autoritäten deutete, war zur Zeit Galileos nicht bekannt. Eine solche Idee aber ist tief verwurzelt in der Nienetwiler Kultur. Also lässt sich vermuten, dass das Fernrohr nur möglich war aufgrund des Weiterlebens von Nienetwiler Gedankengut im europäischen Mittelalter und in der beginnenden Neuzeit.

Aus verschiedenen Befunden kann man vermuten, dass es schon sehr früh in der Entwicklung der Nienetwiler Kultur einen «Fürsprecher» oder «Befrager» gab für jede Art von Ding, zum Beispiel für Steine, für Holz, für Berge, für Wasser, für Luft, für Tiere, für Pflanzen, für ganz grosse Dinge wie den Himmel (hier wäre Galileo ein Beispiel) und für ganz kleine Dinge, die man nicht sehen kann. Die prinzipielle Offenheit für Vermittler, welche die Nienetwiler Kultur charakterisiert, bedeutet, dass jederzeit etwas Neues und Unerwartetes auftauchen und für sich einen Fürsprecher verlangen kann. Es war die Aufgabe der Nienetwiler, als Sammler immer auf der Suche nach Verbindungen zu sein und somit immer neue Werkzeuge zu finden, die auch stets mehr Nichtmenschen sprechen liessen. Dies war die Grundidee der «Vermehrung», die ihren Lebenssinn bestimmte. Es war auch der Grund, warum die Nienetwiler Kultur derart konservativ war, denn das Sammeln ist ein sehr langsamer Prozess und jeder Versammlung konnte nur relativ kurze Zeit dauern, damit sich alle auch anderen Aufgaben widmen konnten.

 

  1. Das schöpferische Sein

In der Nienetwiler Sprache gibt es kein Wort für «Arbeit» im Sinne einer auf Entlohnung beruhenden Tätigkeit. Das Nienetwiler Wort scandi steht einerseits für «Hand», anderseits aber auch für eine schöpferische Tätigkeit, und auch «singen», «klingen» und «verhandeln» werden mit scandi bezeichnet. All diese Tätigkeiten bedeuten für die Nienetwiler dasselbe. Es wird nicht unterschieden zwischen Arbeit, Politik, Wirtschaft etc.

Es handelt sich bei allen Tätigkeiten der Nienetwiler um schöpferische Tätigkeiten, die man in der Kunst, aber auch im Handwerk oder in anderen Tätigkeiten (die Nienetwiler machen diesbezüglich keinen Unterschied) erlebt. Solche Handlungen dienen ihrer Meinung nach dem Zweck, etwas zum Leben zu bringen, zwischen etwas so zu vermitteln, dass hernach mehr an Sein, an Erfahrung und Fertigkeit zum Vorschein kommt. Das oben erwähnte Wort scandi, das wie gesagt für diese Art der Tätigkeit steht, trägt daher nicht von ungefähr die beiden Wörter «Hand» und «Cantus» («Singen») in sich.

 

  1. «Simulation» bzw. «verstecktes Mitmachen» bzw. «unauffälliges Einmischen»

Die Ablehnung von Hierarchie und das Schaffen von Ordnung durch das Verhandeln in der Versammlung bzw. durch das Sammeln nach «Faustregeln» führte notwendigerweise dazu, dass die Nienetwiler Siedlungen relativ klein blieben, da, wenn viele sich versammelten, nicht alle reden konnten und es nie zu einer Entscheidung gekommen wäre. Kommt hinzu, dass die Regel, wonach alle sprechen durften und sollten, dazu führte, dass die Nienetwiler Kultur sich sehr langsam entwickelte, da es oft sehr schwierig war, die geeigneten Mediatoren oder Werkzeuge zu (er-)finden, die es Nichtmenschen erlaubten, zu sprechen. Also blieb es den Nienetwilern vorenthalten, grössere Kollektive zu bilden. Sie waren demnach nicht in der Lage, sich militärisch zu organisieren und durch Eroberungen oder Raubzüge andere Kollektive zu unterwerfen. Während die Erfindung der Hierarchie dazu führte, dass einige Kollektive die Nienetwiler Kultur verliessen und Grossreiche bildeten, welche – wie wir ja wissen – den uns bekannten Lauf der Geschichte bestimmten, blieben die Nienetwiler sehr konservativ bzw. langsam bei der Annahme neuer Lebensformen. Die Nienetwiler beteiligten sich nicht an Eroberungen, Grossbauprojekten etc., welche die Unterwerfung von Massen an Menschen verlangten. Dies beeinflusste die Beziehungen der Nienetwiler zu anderen Völkern bzw. Kulturen, und zwar so, dass die Nienetwiler sich zurückzogen aus den «historisch bedeutsamen» Machenschaften der hierarchisch organisierten Grossreiche. Die Nienetwiler entwickelten eine Überlebensstrategie der «Simulation» bzw. des «versteckten Mitmachens» oder das, was man «unauffälliges Einmischen» in die Grosskulturen nennen könnte. Dies erklärt, warum die Archäologie der Nienetwiler vor grossen Problemen steht, da man ihre Kultur überwiegend nur versteckt, vergessen oder verstellt in den grossen Kulturen der Menschheitsgeschichte finden kann. In einer gewissen Art und Weise muss man sagen, dass wir alle Nienetwiler sind, nur ist diese unsere Herkunft überlagert worden durch Jahrtausende von dem, was wir als «Geschichte» betrachten. Aber, wie gesagt, meine Herren, Herkunft ist Zukunft. Wir können viel von den Nienetwilern über uns selbst lernen. In diesen Zeiten, die durch Krieg und Chaos bestimmt sind, könnten die Nienetwiler uns den Weg zeigen in eine andere und bessere Zukunft. Dies, meine Herren, ist die Vision, die uns die Vergangenheit bereithält. Wer sich ohne Vision mit der Vergangenheit befasst, sieht nicht, was die Tatsachen bedeuten.

Ich bedanke mich für diese Gelegenheit, vor Ihnen, verehrte Kollegen, im Namen von Nienetwil gesprochen haben zu dürfen.

 

[1] siehe hierzu den Briefwechsel zwischen den beiden, der in zwei Schreiben von 1952 exemplarisch ebenfalls in diesem Heft publiziert ist


  1. Inhaltsverzeichnis CRN 1-2020-1
  2. Einleitung der Herausgeber
  3. Vorwort
  4. Das Nienetwil-Projekt
  5. Was ist «visionäre Vergangenheitsforschung»?
  6. Biografie von d’Aciel Arbogast I.
  7. Die Stellung des Handwerks und Werkzeugs in der Nienetwiler Kultur
  8. Biografie Amot Nussquammer sen.
  9. Einführung in die Nienetwiler Kultur von Amot Nussquammer sen.
  10. Briefverkehr zweier Freunde und Streithähne
  11. Ursprung der Nienetwiler Kultur
  12. Biografie Nomis Arbogast
  13. Fundbeschreibung und eine kleine Zeitreise in die Nienetwiler Kulturgeschichte
  14. The Alaju Settlement – Auszug aus der Autobiografie
  15. Ausblick CRN Nr. 2
  16. Impressum-Autoren CRN 1-2020-1